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Vorwärts, auch mit Angst: Arnold Weissman über KI im Familienunternehmen.
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Vorwärts, auch mit Angst: Arnold Weissman über KI im Familienunternehmen.

28. September 2026 · 5 Min. Lesezeit

Arnold Weissman hat nach eigenen Worten vor 39 Jahren ein Unternehmen gegründet, das Familienunternehmen in die Zukunft begleitet. Heute führt die nächste Generation um seinen Sohn Moritz die Beratung Weissman Consulting, und Weissman selbst beschäftigt sich nach eigenen Worten seit gut vier Jahrzehnten mit einer einzigen Frage: Wie sichert man die Zukunftsfähigkeit von Familienunternehmen? Am 25. September 2026 sprach er im KI-Strategiebriefing mit Markus Neubauer darüber, wo der Mittelstand bei künstlicher Intelligenz steht. Seine Antwort fällt zweigeteilt aus. Das Bewusstsein ist da. Die Umsetzung hinkt, und sie hängt weniger an der Technik als an den Menschen, die entscheiden.

Der Mittelstand ist aufgewacht

Vor fünf Jahren, sagt Weissman, wäre KI „das meist unterschätzte Thema überhaupt“ gewesen. Man habe sich mit anderen Fragen beschäftigt, mit Produkten und guten Kundenbeziehungen. Heute sieht er einen Bewusstseinswandel. KI sei ein Einschnitt wie der Beginn des kommerziellen Internets oder das erste iPhone: „Hier werden ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt.“ Und: „Was ich sehe ist, dass der Mittelstand aufgewacht ist, dass man das Problem versteht.“

Einen Grund dafür nennt er ohne Umschweife: Die Babyboomer gehen in Rente. „Wir werden einfach einen Teil unserer Arbeit über Agenten und KI ersetzen müssen“, sagt Weissman, über humanoide Roboter oder wie auch immer das aussehen werde, „weil wir sonst unser Unternehmen gar nicht am Laufen halten können“.

Wie groß der Druck werden kann, zeigt ein Beispiel aus einem Großunternehmen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sagte im September 2026, in den kommenden acht bis neun Jahren gingen rund 35 Prozent der Beschäftigten der Bank in Deutschland in Rente. Gilt das für den Mittelstand genauso? Weissman will es nicht verallgemeinern: „Die Antwort ist natürlich individuell.“ Familienunternehmen seien aber aufgewacht, weil sie in Generationen dächten und darüber nachdächten, was sie den Enkeln übergeben.

Beim Umsetzen sieht er große Unterschiede, „zum Teil sehr, sehr rudimentär“. Einen Teil der Erklärung sucht er bei den Entscheidern selbst und schließt sich dabei ausdrücklich ein: In Führung und Aufsichtsgremien säßen überwiegend Ältere, „die sind halt keine Digital Natives“. Er wünscht sich dort eine stärkere Verjüngung und einen offeneren Zugang zu dieser Technologie.

Kein IT-Thema

Auf die Frage, ob KI in den Chefetagen angekommen ist, antwortet Weissman vorsichtig: „Ich fürchte, es sind noch zu viele, die es als IT-Thema abtun.“ Die IT habe wichtige Aufgaben, aber neue Geschäftsmodelle entstünden dort nicht. „Digitale Transformation und die Nutzung von KI für neue Geschäftsmodelle ist eine strategische Aufgabenstellung.“ Sie gehöre ins Business Development und in die Geschäftsführung. Dort fehle zum Teil die Kompetenz, das Thema zu Ende zu denken.

Er beobachtet, dass sich immer mehr Unternehmen dabei begleiten lassen, weil sie ihren blinden Fleck erkennen. Neubauer setzt einen Gegenakzent: Begleitung sei gut, aber wer keine eigene Kompetenz im Haus aufbaue, lagere bei einem so wichtigen Thema am Ende auch die Verantwortung aus. Souverän werde man nur mit eigenem Wissen.

Ein Beispiel aus dem eigenen Haus

Wie ein Familienunternehmen KI selbst einsetzen kann, zeigt Weissman an seinem eigenen Angebot. In der Pandemie, als Seminare und Vorträge ausfielen, baute er eine digitale Akademie für Familienunternehmen auf, für drei Zielgruppen: Gesellschafter, Führung und Aufsicht. Er stieß schnell an zwei Grenzen. Es gab Themen, die er selbst nicht abdecken konnte, KI zum Beispiel, und Themen, die man ihm nicht zutraute. Daraus entstand ein Netzwerk von inzwischen 27 Fachleuten.

Mit dem Netzwerk wuchs das Material, auf rund 300 Stunden. „Kein Mensch kann sich 300 Stunden Material anschauen“, sagt Weissman. Gemeinsam mit seiner Tochter Lea, heute Mitgeschäftsführerin und Gesellschafterin, baute er deshalb einen KI-Lernpfad: Wer die Plattform nutzt, gibt seine Zielkompetenz ein, und die KI empfiehlt, was er dafür lernen sollte. Eine Einschränkung schiebt er gleich hinterher: „Das Hirn sollten wir nicht ausschalten.“

Drei Umbrüche auf einmal

Warum viele Unternehmer trotzdem zögern, erklärt Weissman mit einer Diagnose, die über KI hinausgeht. Er hält die gegenwärtige Lage für „die größte Transformation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, und zwar weltweit. Für Familienunternehmen kommen drei große Themen zugleich zusammen.

Das erste ist der Umbau durch KI, der Geschäftsmodelle, Prozesse und Organisationsmodelle verändert. Das zweite ist die Nachfolge. Es gebe schlicht zu wenige Nachfolger, die es können und wollen. Weissman nennt dazu eine Zahl: Von 100 Familienunternehmen kämen vier in die vierte Generation. Das dritte sind die globalen Krisen. Dieser Dreiklang, sagt er, mache manche Unternehmer müde, und das sei aus seiner Sicht einer der Gründe, warum die Zahl der Firmenverkäufe stark steige.

Mut machen, auch mit Angst

Was rät er Unternehmern, die den Mut verloren haben? Zunächst etwas Unbequemes: Manchmal sei es richtig, im Ausland statt in Deutschland zu investieren, wenn ein Produkt unter den hiesigen Bedingungen bei Energie, Bürokratie und Arbeitskosten nicht wettbewerbsfähig sei. Die Unternehmen blieben ja bestehen, „das ist ja nur eine Frage internationaler Vernetzung“. Und dann den Kern: „Manager und Unternehmer müssen Mut machen, und es wär schön, wenn sie selber den Mut nicht verlieren, weil sonst können sie anderen auch keinen Mut machen.“

Beim nächsten großen Umbruch, der Robotik, ist er eindeutig. Anlass war ein Video des US-Herstellers Figure, in dem Haushaltsroboter in Wohnungen arbeiten, die sie vorher nie gesehen haben. Weissman nennt humanoide Robotik „eine Riesenchance“ und ein absolutes Schlüsselthema. Der Roboter von Silbury, den er am Vortag auf der Konferenz MyWay in Berlin gesehen hatte, sei „ein echter Eyecatcher“ gewesen, heute noch etwas unbeholfen. Aber jeder habe eine Vorstellung davon, wie so eine Maschine in zehn Jahren arbeiten werde. Es werde eine Koexistenz von Mensch und Maschine geben. Sein Fazit: „Das auszulassen könnte die Existenz eines Unternehmens in Frage stellen.“

Bleibt die Frage, wie man mit der Angst umgeht, die das alles auslöst. Weissman erzählt, er habe einmal den Boxer Wladimir Klitschko gefragt, ob er Angst habe. Wer ohne Angst in den Ring steige, sei verrückt, habe Klitschko geantwortet, und Mut heiße für ihn, vorwärtszugehen, auch wenn er Angst habe. Weissman überträgt das auf die Ängste vieler Menschen vor dem Wandel: „Die Ängste, die die Menschen haben, müssen wir ernst nehmen, aber sie dürfen uns nicht lähmen.“ Was es brauche, sei der Glaube an eine gute Zukunft. „Ich bleib unverbesserlicher Optimist.“

Die Aufgabe für Morgen

Aus dem Gespräch folgt eine Aufgabe, die jedes Unternehmen ohne fremde Hilfe angehen kann. Tragen Sie zehn Aufgaben zusammen, deren Wissensträger bis 2031 in Rente gehen. Legen Sie für jede fest, wer sie künftig übernimmt: weiterhin ein Mensch, eine Software oder vielleicht sogar ein Roboter. Und zählen Sie jedes Quartal, wie viele dieser Aufgaben bereits einen Übergabeplan haben.

In eigener Sache: Silbury gehört zum Expertennetzwerk der Familien Unternehmer Akademie von Arnold Weissman und ist dort ab Oktober 2026 mit KI-Inhalten vertreten, zuerst zu Governance und Rechtssicherheit.

Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr. Arnold Weissman im KI-Strategiebriefing am 25. September 2026
  • Weissman Consulting: https://www.weissman.de/
  • Familien Unternehmer Akademie: https://familien-unternehmer-akademie.de/
  • Christian Sewing im Podcast der ZEIT, berichtet von Reuters am 23. September 2026

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