
Der Ertrag lässt auf sich warten, der Umbau nicht.
28. Oktober 2026 · 8 Min. Lesezeit
Ende Oktober 2026 lagen zwei Arten von Nachrichten dicht beieinander. Am 24. Oktober schrieb Torsten Slok, Chefökonom von Apollo Global Management, außerhalb der Techbranche habe KI den US-Unternehmen bisher keinen finanziellen Ertrag gebracht. In den Tagen danach bot Microsoft Beschäftigten an, freiwillig zu gehen, ein Teamleiter bei Anthropic strich die Programmiertests aus seinen Bewerbungsgesprächen, und Netflix-Mitgründer Reed Hastings nannte als Hauptrisiko der KI, dass neue Wettbewerber etablierte Unternehmen mit viel niedrigeren Kosten angreifen. Für Unternehmen ergibt das ein unbequemes Bild: Der Ertrag lässt auf sich warten, der Umbau nicht.
Was der Chefökonom von Apollo misst
Apollo Global Management ist ein US-Finanzinvestor aus New York und verwaltete Mitte 2026 rund 1,05 Billionen Dollar, vor allem in Krediten. In seinem Beitrag „No Signs of AI Payoff Outside the Tech Sector“ vergleicht Slok zwei Gruppen im US-Aktienindex S&P 500: die sieben großen Techkonzerne, an der Börse „Magnificent Seven“ genannt, und die übrigen 493 Unternehmen. Bei den sieben steigen der Umsatz je Beschäftigtem und die Gewinnmarge, bei den übrigen 493 stagnieren beide. Auch in der Produktivität der US-Wirtschaft sieht er bisher keinen Schub durch KI. Die breite Masse der US-Unternehmen beginne deshalb, Ausgaben für die Nutzung von KI-Modellen nicht mehr als Quelle von Wachstum zu sehen, sondern als Kostenstelle, die auf die Marge drückt. Solange agentische KI und diese Ausgaben auf einen kleinen Teil der Wirtschaft beschränkt blieben, seien die gesamtwirtschaftlichen Effekte sehr begrenzt.
Offen sei, ob Unternehmen immer billigere Intelligenz in mehr Wachstum und bessere Margen verwandeln können. Das sei schwerer, als es klinge: KI möge ein großartiger Rechner sein, im Geschäft aber sei Intelligenz vor allem Urteilskraft. Sein Fazit: Entschieden werde die Geschichte der KI bei den 493, nicht bei den sieben.
Zur Einordnung: Es handelt sich um einen Meinungsbeitrag. Apollo weist darauf hin, dass solche Einschätzungen die des Autors sind und nicht zwingend die des Hauses. Die Zahlen sind Durchschnitte großer US-Börsenkonzerne, ergänzt um Produktivitätsdaten für die USA und Ausgabendaten des US-Finanzdienstleisters Ramp. Sie zeigen nicht, dass einzelne Unternehmen keinen Ertrag haben, und sie beschreiben nicht den deutschen Mittelstand. Dass KI „null“ finanziellen Ertrag gebracht habe, ist Sloks Zuspitzung. Und unter den 493 sind weitere Technologieunternehmen: Der Vergleich trennt die sieben Größten vom Rest, nicht die Techbranche von allen anderen.
Was IT-Chefs und Vorstandschefs sagen
Zwei Umfragen des Analysehauses Gartner, vorgestellt am 19. und 20. Oktober 2026 auf dem Gartner IT Symposium/Xpo in Orlando, passen dazu. Für die erste wurden von Mai bis Juli 2026 insgesamt 2.002 CIOs und Technologie-Führungskräfte befragt. Nur 13 Prozent der CIOs sagen, ihr Unternehmen habe bisher erheblichen oder grundlegenden Wert aus KI gezogen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit je Anwendungsfall liege weiter bei eins zu fünf. Nur 31 Prozent der CIOs haben Regeln, wann ein KI-Pilot nicht in den Betrieb geht, und nur 17 Prozent Regeln, wann eine wenig wertvolle Anwendung im Betrieb wieder abgeschaltet wird. Wer solche Regeln hat, gehört laut Gartner 2,3- beziehungsweise 2,6-mal häufiger zur Spitzengruppe mit besseren Geschäftsergebnissen; das ist ein Zusammenhang, kein Wirkungsnachweis. 58 Prozent der CIOs spüren mehr Druck, mit KI Kosten zu senken, und 51 Prozent erwarten, dass KI die Gesamtkosten ihrer Technik erhöht. Die Gartner-Analystin Alicia Mullery bringt es auf den Punkt: „Volume is not value“, Menge ist nicht Wert.
In der zweiten Umfrage, unter 203 Vorstandschefs und Top-Führungskräften im April und Mai 2026, sagen 44 Prozent, sie täten sich schwer, finanzielle Erträge aus KI gegenüber ihren Stakeholdern zu belegen. Zurückziehen wollen sie sich trotzdem nicht: 75 Prozent planen höhere Ausgaben für Technologie, 63 Prozent zählen den radikalen Umbau des Betriebsmodells zu den wichtigsten Hebeln für Erträge aus KI bis 2027.
Beide Umfragen sind Selbstauskünfte, keine gemessenen Erträge. Die Aussage „13 Prozent der Unternehmen“ wäre deshalb falsch: Es sind 13 Prozent der befragten CIOs.
Der Umbau wartet nicht
Am 26. Oktober 2026 kündigte Microsoft ein freiwilliges Ausscheidungsangebot an, das „Voluntary Exit Offer“. Es gilt für berechtigte Beschäftigte in teilnehmenden Bereichen in Kanada, Indien, Großbritannien und den USA bis zur internen Stufe Level 70, ist zeitlich befristet und mit finanzieller Unterstützung und Hilfe bei der Karriereplanung verbunden. Microsoft beschreibt es als einen weiteren Weg, die Belegschaft an veränderte Anforderungen anzupassen, und als Fortsetzung eines freiwilligen Ruhestandsprogramms aus dem Frühjahr. Eine Zahl nennt Microsoft nicht. Laut dem Sender KIRO 7 aus Seattle sind rund 60.000 Beschäftigte berechtigt, etwa ein Viertel der Belegschaft; ein Microsoft-Sprecher erwartete dort weit weniger Annahmen als beim Ruhestandsprogramm, bei dem 30 Prozent von 8.600 Berechtigten zugriffen. Einen Zusammenhang mit KI stellt Microsoft in seiner Mitteilung nicht her.
Einen Tag später, am 27. Oktober 2026, schrieb Felix Rieseberg, Engineering Manager bei Anthropic, er stelle Bewerbern für sein Team seit Oktober keine Programmiertests mehr. Kleine Programmieraufgaben löse Claude inzwischen besser, sie sagten deshalb nichts Verlässliches mehr über Bewerber. Seine wirkungsvollsten Leute seien erfolgreich, unabhängig davon, wie gut sie in solchen Tests abschnitten. Sein Beitrag trägt den Titel „Hunger beats tenure“, Hunger schlägt Dienstjahre: Er sehe vergleichsweise neue Ingenieure, die an erfahreneren Kollegen vorbeiziehen. Statt Tests sucht er in Lebensläufen und Arbeitsproben nach kleinen Prototypen, die Geschmack, Einfühlungsvermögen und prinzipientreues Denken zeigen; ein besseres Format für das Bewerbungsgespräch habe er noch nicht gefunden. Das gilt für sein Team, nicht als Regel für ganz Anthropic.
Der eigentliche Druck kommt vom Wettbewerb
Warum Unternehmen kaum darauf warten können, dass der Ertrag in der Statistik auftaucht, zeigt eine Aussage von Reed Hastings. Der Netflix-Mitgründer sitzt seit Mai 2025 im Board von Anthropic. Im Podcast „On with Kara Swisher“, veröffentlicht am 26. Oktober 2026, nannte er laut dem Branchendienst Deadline als Hauptrisiko der KI nicht den Weltuntergang, sondern das, was Ökonomen seit Joseph Schumpeter kreative Zerstörung nennen. Sein Beispiel: Es werde einen Herausforderer für den Softwarekonzern Oracle geben, der mit KI eine Datenbank oder Anwendungen zu viel geringeren Kosten baut. Das Katastrophenrisiko tut er damit nicht ab; laut Deadline verglich er es mit einem zehnprozentigen Risiko eines Atomkriegs.
Hastings beschreibt ein Szenario, keinen realen Fall. Der Gedanke dahinter betrifft aber jedes etablierte Unternehmen: Der Druck entsteht nicht erst, wenn KI in der eigenen Bilanz wirkt, sondern sobald ein Wettbewerber mit KI billiger anbieten kann.
Was hinter einer Schlagzeile steckt
Wie schnell aus einem Sparprogramm eine KI-Schlagzeile wird, zeigte sich am 26. Oktober 2026 an den Niederlanden. Auf X verbreitete die Wettplattform Polymarket, die Regierung wolle 25.000 Stellen im Staatsdienst streichen und KI ausbauen, um Verwaltungsarbeit zu ersetzen. In der Mitteilung der Regierung vom selben Tag steht etwas anderes. In der staatlichen Verwaltung müssen 900 Millionen Euro im Jahr 2027 eingespart werden, ansteigend auf 3,5 Milliarden Euro ab 2035. Das entspreche nach Schätzung einer Reduktion um 25.000 Vollzeitstellen, verteilt über mehrere Jahre; Polizei und Verteidigung sind unter anderem ausgenommen. Als Hebel nennt die Regierung weniger und einfachere Regeln, einen gesetzlich geregelten Datenaustausch zwischen Behörden, einheitliche IT, gemeinsamen Einkauf, einen Arbeitsplatz für je zwei Beschäftigte und deutlich weniger Beratungsgremien. Ziele und Sparpläne für den Einsatz von KI will das Kabinett erst im ersten Quartal 2027 vorlegen; wie genau gespart wird, folgt mit der Frühjahrsnote zum Haushalt. Ein Ersatz von 25.000 Menschen durch KI ist damit nicht belegt.
Was Geschäftsführungen daraus mitnehmen können
Ertrag entsteht nicht im Durchschnitt, sondern in einzelnen Aufgaben. Ob KI im eigenen Einkauf, Vertrieb oder Kundendienst etwas bringt, zeigt keine Statistik über US-Großkonzerne. Deshalb gehört vor jedes Ausrollen die Festlegung, woran der Nutzen gemessen wird, mit einem Ausgangswert von heute.
Jedes Pilotprojekt braucht einen Zielwert und einen Entscheidungstag, bevor es beginnt. Wer vorher festlegt, was erreicht sein soll, kann an diesem Tag sagen, ob etwas funktioniert hat, und entscheiden: ausrollen, nachbessern oder beenden. Eine Regel, wann ein Pilot nicht in Betrieb geht, hat laut Gartner bisher nur knapp ein Drittel der befragten CIOs.
Abwarten ist trotzdem keine sichere Option. Wenn Hastings recht behält, kommt der Druck nicht aus der eigenen Bilanz, sondern von einem Wettbewerber, der mit KI die eigenen Preise unterbietet. Die Frage lautet deshalb nicht nur, was KI im eigenen Haus spart, sondern auch, wo ein neuer Anbieter mit KI das eigene Geschäft angreifen könnte.
Und Schlagzeilen über KI und Stellen gehören an die Quelle. Hinter den 25.000 Stellen in den Niederlanden steht ein Sparprogramm, hinter Microsofts Angebot keine genannte KI-Begründung. Wer solche Meldungen ungeprüft in die eigene Planung oder in Gespräche mit der Belegschaft trägt, plant mit falschen Annahmen.
Ein erster Schritt: Schreiben Sie zu Ihrem wichtigsten KI-Projekt zwei Zahlen und ein Datum auf: den Ausgangswert von heute, den Zielwert, den Sie erreichen wollen, und den Tag, an dem Sie entscheiden: ausrollen, nachbessern oder beenden.
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Quellen: Apollo, Torsten Slok, „No Signs of AI Payoff Outside the Tech Sector“, The Daily Spark, 24. Oktober 2026 · Apollo, Ergebnisse für das zweite Quartal 2026 (SEC Form 8-K), 4. August 2026 · Gartner, Pressemitteilung zur Umfrage „2027 CIO and Technology Executive Agenda“, 19. Oktober 2026 · Gartner, Pressemitteilung zur „2027 Gartner CEO Survey“, 20. Oktober 2026 · Microsoft, Amy Coleman, „Introducing a Voluntary Exit Offer“, 26. Oktober 2026 · KIRO 7 Seattle, „Microsoft offers ‚voluntary exit offer‘ for thousands of employees“, 26. Oktober 2026 · Felix Rieseberg, „Hunger beats tenure: Advice for junior engineers“, 27. Oktober 2026 · On with Kara Swisher, „Reed Hastings on Hollywood’s Future, Netflix’s Shakeup and Knowing When to Leave“, 26. Oktober 2026 · Deadline, „Anthropic Board Member Reed Hastings Says ‚Creative Destruction‘ Is The Main AI Risk“, 26. Oktober 2026 · Anthropic, „Reed Hastings appointed to Anthropic’s board of directors“, 28. Mai 2025 · Rijksoverheid, „Kabinet werkt aan slagvaardige overheid: eenvoudiger, slimmer en kleiner“, 26. Oktober 2026 · Polymarket auf X, 26. Oktober 2026


