
Der erste eigene Agent: Wie aus einer Arbeitsanleitung ein Agent wird.
30. Oktober 2026 · 10 Min. Lesezeit
„Kann man mit einem guten Skill nicht das Gleiche erreichen wie mit einem Agenten?“ Diese Frage kam im September 2026 aus dem Publikum des KI-Strategiebriefings. Die kurze Antwort: fast. Skill und Agent arbeiten mit derselben Anleitung. Den Unterschied machen drei Bausteine, die um diese Anleitung herum gebaut werden. Bauen lässt sich ein erster Agent heute schneller, als viele denken, und ohne Programmierprojekt. Ob er sich lohnt, zeigt sich langsamer, nämlich erst im Testbetrieb.
Skill oder Agent
Ein Skill ist eine gespeicherte Arbeitsanleitung für die KI. Technisch ist das ein Ordner mit einer einfachen Textdatei namens SKILL.md. Darin steht, wie eine Aufgabe in Ihrem Haus richtig geht: mit Regeln, Beispielen und dem Hinweis, wann nachgefragt wird. Anthropic, der Anbieter des KI-Modells Claude, hat dieses Format im Dezember 2025 als offenen Standard veröffentlicht und im Oktober 2026 an die Agentic AI Foundation übergeben. Laut Anthropic haben es mehr als 70 Agentenplattformen eingebaut, darunter ChatGPT und GitHub Copilot.
Ein Skill wartet, bis ein Mensch ihn aufruft: „Mach aus dieser Anfrage ein Angebot.“ Zum Agenten wird dieselbe Anleitung durch drei Bausteine:
- Auslöser: Der Agent legt von selbst los, sobald etwas passiert, etwa wenn eine Anfrage im Postfach ankommt.
- Zugänge: Er darf bestimmte Daten lesen und bestimmte Dinge anlegen, anderes ausdrücklich nicht. Für den Anfang gilt: lesen, wo lesen reicht.
- Freigabe: Er entwirft, ein Mensch verschickt.
Die Grenze ist fließend. Eine Faustregel: Wo ein Mensch den Vorgang auslöst, reicht oft der Skill. Wo die Arbeit von außen hereinkommt, als Anfrage, Bestellung oder Reklamation, lohnt sich der Agent.
Anthropic unterscheidet in seinem Leitfaden „Building effective agents“ feste Abläufe, sogenannte Workflows, von Agenten, die ihr Vorgehen selbst steuern. Der Rat dort: mit der einfachsten Lösung anfangen und nur dann mehr bauen, wenn es das Ergebnis nachweislich verbessert. Für den ersten Agenten heißt das: eine klare Anleitung, ein Auslöser, wenige Zugänge und ein Mensch vor dem Versand.
Drei Anfragen, ein Agent
Wie das aussieht, zeigt ein erfundenes Beispiel. Ein Hersteller von Werkstattausstattung bekommt jede Woche viele Anfragen, aus jeder soll ein Angebot nach Preisliste und Rabattstaffel werden. Ab 15 Prozent Rabatt muss die Geschäftsführung unterschreiben. Die Anleitung dafür ist als Skill gespeichert, der Auslöser ist jede neue Anfrage-Mail. Der Agent darf die Preisliste lesen und Entwürfe anlegen. Senden darf er nicht.
Drei Anfragen kommen an:
- Die Routine: sechs Werkbänke und zwei Werkzeugschränke. Der Agent nimmt Positionen und Preise aus der Preisliste. Der Warenwert liegt bei 7.640 Euro, laut Staffel gibt es 10 Prozent, eine Freigabe der Geschäftsführung braucht es nicht. Er legt den Angebotsentwurf für den Kunden an.
- 20 Prozent verlangt: Ein Kunde will 20 Prozent Rabatt und verweist auf einen Wettbewerber. Bei 17.180 Euro Warenwert ergibt die Staffel 15 Prozent, und ab 15 Prozent entscheidet die Geschäftsführung. Also schreibt der Agent nicht dem Kunden, sondern bittet die Geschäftsführung um Freigabe, mit dem Wunsch des Kunden als offenem Punkt. Verhandeln darf er nicht.
- „Wie letztes Mal“: Ein dritter Kunde möchte dasselbe wie beim letzten Mal, diesmal für eine neue Halle. Der Agent hat in diesem Test bewusst keinen Zugriff auf frühere Bestellungen. Also rät er nicht, sondern legt eine Rückfrage an: welche Bestellung gemeint ist und wo die neue Halle steht.
Am Ende liegen drei Entwürfe bereit, verschickt ist nichts. Der wichtigste Satz der Anleitung lautet: Wenn etwas unklar ist oder der vorgesehene Weg nicht funktioniert, anhalten und nachfragen.
Bauen ohne Programmierprojekt
Stand Oktober 2026 lässt sich ein solcher Agent in verbreiteter Bürosoftware einrichten, ohne eine Zeile Code. Ein Beispiel ist Copilot Cowork von Microsoft. Wir nehmen es, weil Copilot in deutschen Unternehmen weit verbreitet ist: Laut einer Bitkom-Befragung vom Sommer 2026 setzen 35 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen ab 20 Beschäftigten Microsoft Copilot ein, nur ChatGPT liegt mit 76 Prozent davor (Mehrfachnennungen möglich).
Cowork ist seit dem 16. Juni 2026 allgemein verfügbar. Es setzt die Lizenz für Microsoft 365 Copilot voraus, wird zusätzlich nach Verbrauch in sogenannten Copilot Credits abgerechnet und ist zunächst ausgeschaltet; freischalten muss es die IT. Seit August 2026 kann Cowork Aufgaben starten, wenn etwas passiert, zum Beispiel wenn eine passende E-Mail eingeht. Eingerichtet wird das in Alltagssprache. Die Anleitung liegt als SKILL.md im eigenen OneDrive, bis zu 50 eigene Skills sind möglich. Jede Aufgabe läuft mit den Rechten des Nutzers und sieht nur, was er sehen darf. Und die Freigabe ist voreingestellt: Würde eine solche Aufgabe eine Mail senden, bereitet Cowork sie vor und fragt vorher. In Microsofts Dokumentation heißt es knapp: „Event-driven tasks default to draft-and-approve.“
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Microsoft prüft selbst geschriebene Skills nicht; deren Ergebnisse muss man also selbst kontrollieren. Und in Tenants innerhalb der EU Data Boundary arbeitet Cowork laut Microsofts Fragen und Antworten (Stand 24. Oktober 2026) nur mit GPT-Modellen.
Vom eigenen Helfer zum Agenten für die Firma
Ein Agent in Cowork ist ein persönlicher Helfer: Er arbeitet im Postfach eines Menschen, mit dessen Rechten. Soll ein Agent am gemeinsamen Anfragepostfach arbeiten, unabhängig von einer Person, und an die Warenwirtschaft angebunden werden, ist bei Microsoft nach unserer Einschätzung Copilot Studio der passende Ort. Dort können Ereignisse einen Agenten starten, ohne dass jemand etwas eingibt.
Ein Detail ist wichtig: Solche Auslöser laufen laut Microsoft nur mit den Zugangsdaten dessen, der den Agenten gebaut hat. Wer den Agenten nutzt, kommt damit womöglich an dieselben Daten. Geben Sie dem Agenten deshalb ein eigenes Konto mit wenigen Rechten, nicht das Konto der Geschäftsführung.
Zu den Kosten: In einem Rechenbeispiel der Dokumentation kommt ein selbst ausgelöster Agent mit vier Aktionen auf 20 Copilot Credits. Nach Verbrauch kostet ein Credit 0,01 US-Dollar (US-Listenpreis). Löst jede Anfrage einen solchen Lauf aus, wären 400 Anfragen im Monat nach unserer Rechnung 8.000 Credits, rund 80 US-Dollar. Lizenzen, aufwendigere Modelle und der Abruf von Firmenwissen kommen hinzu. Und jeder Auslöseimpuls zählt mit, auch eine Werbemail, wenn der Auslöser nicht eng gefasst ist. Teurer als das Werkzeug ist meist die Anbindung: Laut Bitkom (Presseinformation vom 14. September 2026) nannten KI-Anwender Infrastruktur (51 Prozent), Datenaufbereitung (50 Prozent) und die Integration in bestehende Systeme (41 Prozent) deutlich häufiger als großen Kostenpunkt als Abos und Lizenzen (21 Prozent).
Und der Agent Builder, der in der Copilot-Lizenz enthalten ist? Für diesen Fall reicht er nicht. Laut Microsoft kann er keine Aktionen in externen Diensten ausführen.
Wo eigene Agenten entstehen
Wer nicht mit Microsoft arbeitet, findet vergleichbare Wege. Stand Ende Oktober 2026 entstehen eigene Agenten an fünf Orten:
- Büro-Suiten: Microsoft 365 Copilot und Google Workspace, dazu deren Baukästen Copilot Studio und Gemini Enterprise. Bei Google startet ein Ablauf in Workspace Studio, wenn eine neue Mail in Gmail ankommt, und kann eine Antwort als Entwurf zum Prüfen anlegen.
- KI-Assistenten: etwa ChatGPT und Claude, dazu Grok Bot, Muse von Meta oder Perplexity. Bei ChatGPT können geplante Aufgaben seit August 2026 bei Ereignissen in Gmail, Slack oder GitHub starten. Claude führt geplante Aufgaben nach Zeitplan aus; einen E-Mail-Auslöser nennt die Hilfe nicht.
- Unternehmenssoftware: etwa Salesforce und SAP, dazu HubSpot, ServiceNow oder Zendesk.
- Automatisierer: etwa n8n, Make und Zapier, dazu Power Automate oder UiPath.
- Europäische Anbieter: etwa Mistral und Aleph Alpha, dazu Parloa für Sprach-Agenten, T-Systems, IONOS oder Langdock.
Für den ersten Agenten zählt deshalb weniger das KI-Modell als die Frage, wo Ihre Anfragen ankommen. Dort muss der Auslöser sitzen. Die Produktnamen ändern sich alle paar Monate, die Kategorien bleiben.
Erst Testbetrieb
Bevor ein Agent irgendetwas allein darf, kommt der Testbetrieb: Der Agent entwirft, ein Mensch verschickt. Bei jedem Entwurf wird im Werkzeug oder in einer einfachen Tabelle festgehalten: unverändert raus, geändert oder verworfen. Entschieden hat das immer ein Mensch. Daraus ergibt sich die Trefferquote, der Anteil der Entwürfe, die ohne Änderung rausgehen. Gehen von 60 Entwürfen 42 unverändert raus, liegt sie bei 70 von 100. Jeden Fehler schreiben Sie in die Anleitung zurück, nicht ins Gedächtnis. Und notieren Sie nebenbei, wie viele Minuten das Prüfen kostet. Hat Ihr Werkzeug keinen Auslöser, stoßen Sie den Agenten im Test von Hand an. Gezählt wird trotzdem.
Genauso wichtig ist eine Regel, wann Schluss ist. In einer Gartner-Befragung von 2.002 IT-Chefs und Technologie-Führungskräften (Mai bis Juli 2026) gaben nur 31 Prozent an, Regeln dafür zu haben, wann ein KI-Pilot nicht in den Betrieb geht. Ein Vorschlag für den eigenen Testbetrieb: Gehen nach vier Wochen weniger als 70 von 100 Entwürfen unverändert raus, oder dauert das Prüfen länger als das Selbermachen, geht der Agent nicht in Betrieb. Dann wird die Anleitung überarbeitet oder eine andere Aufgabe gewählt.
Der erste Schritt
- Die Aufgabe und die Seite: Wählen Sie eine Aufgabe, die oft vorkommt und bei der klar ist, wann das Ergebnis richtig ist. Schreiben Sie auf eine Seite, was der Agent mitbekommt: Auftrag, Wissen, Zugriff und wann er nachfragt.
- Die drei Bausteine: Legen Sie fest, was den Agenten auslöst, was er lesen und anlegen darf und was ausdrücklich nicht, und wer jeden Entwurf freigibt. Bauen Sie ihn mit dem Werkzeug, das in Ihrem Haus ohnehin läuft.
- Vier Wochen Testbetrieb: Der Agent entwirft, ein Mensch verschickt und führt das Testprotokoll. Legen Sie vorher den Zielwert fest, ab dem der Agent mehr darf, zum Beispiel 95 von 100, und unter welchem Wert nachgebessert wird, etwa 70 von 100. Tragen Sie den Tag, an dem Sie entscheiden, gleich in den Kalender ein; dann heißt es ausrollen, nachbessern oder beenden.
Für all das gibt es eine Vorlage zum Ausfüllen, mit einem ausgefüllten, erfundenen Beispiel. Sie ist um zwei Abschnitte ergänzt: vom Skill zum Agenten, also Auslöser, Zugänge und Freigabe, und den Testbetrieb mit Testprotokoll, Zielwert und Entscheidungstag.
Wie es weitergeht
Im vierten Teil der Agentenreihe des KI-Strategiebriefings geht es darum, wann ein Agent allein arbeiten darf und wer ihn führt.
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Mehr Einordnung im KI-Strategiebriefing
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Quellen:
- Microsoft 365 Blog, „Copilot Cowork is now generally available“, 16. Juni 2026: https://www.microsoft.com/en-us/microsoft-365/blog/2026/06/16/copilot-cowork-is-now-generally-available/
- Microsoft Learn, „Use Copilot Cowork“, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/copilot/cowork/use-cowork
- Microsoft Learn, „Copilot Cowork common questions“, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/copilot/cowork/cowork-faq
- Microsoft Learn, „What’s new in Copilot Cowork“, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/microsoft-365/copilot/cowork/whats-new
- Microsoft Learn, „Event triggers overview“ (Copilot Studio), abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/microsoft-copilot-studio/authoring-triggers-about
- Microsoft Learn, „Billing rates and management“ (Copilot Studio), abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/microsoft-copilot-studio/requirements-messages-management
- Microsoft Learn, „Agent Builder overview“, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.microsoft.com/en-us/microsoft-365/copilot/extensibility/agent-builder
- Bitkom, Presseinformation „KI aus China? Für die deutsche Wirtschaft praktisch kein Thema“, 9. September 2026: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/KI-aus-China-fuer-deutsche-Wirtschaft-kein-Thema
- Bitkom, Presseinformation „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI“, 14. September 2026: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Erstmals-nutzt-Mehrheit-Unternehmen-KI
- Anthropic, „Building effective agents“, 19. Dezember 2024, zuletzt geändert im Oktober 2026: https://www.anthropic.com/research/building-effective-agents
- Anthropic, „Donating Agent Skills to the Agentic AI Foundation“, 22. Oktober 2026: https://www.anthropic.com/news/donating-agent-skills-to-the-agentic-ai-foundation
- Gartner, Pressemitteilung vom 19. Oktober 2026 über Business Wire: https://www.businesswire.com/news/home/20261019796927/en/
- Google, Hilfe zu Workspace Studio, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://support.google.com/workspace-studio/answer/16765661?hl=en
- OpenAI, „What’s new“ in ChatGPT, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://learn.chatgpt.com/docs/whats-new
- Claude Help Center, geplante Aufgaben, abgerufen am 29. Oktober 2026: https://support.claude.com/en/articles/13854387
Die Beispiele (der Hersteller von Werkstattausstattung, seine Kunden und ihre Anfragen) sind frei erfunden. Die Kostenrechnung ist eine eigene Beispielrechnung nach Microsofts Rechenbeispiel, ohne Lizenzen.
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