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Was Agenten mit der Arbeit machen: Anthropic legt eigene Zahlen vor.
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Was Agenten mit der Arbeit machen: Anthropic legt eigene Zahlen vor.

22. Oktober 2026 · 5 Min. Lesezeit

Anthropic hat ausgewertet, wie sich die Arbeit im eigenen Haus verändert. Das Unternehmen sieht sich an der Spitze der KI-Nutzung und damit als möglichen Frühindikator für andere. Die Zahlen zeigen drei Verschiebungen: weniger Berufseinsteiger, sehr viel mehr Arbeitsstunden von Agenten und einen Menschen, der zum Engpass wird, weil er anleiten, freigeben und prüfen muss. Wenige Tage später erklärte Google-Chef Sundar Pichai, warum er den Anteil KI-geschriebenen Codes nicht mehr für aussagekräftig hält.

Weniger Berufseinsteiger

Unter den technischen Neueinstellungen von Anthropic sank der Anteil von Berufseinsteigern seit Anfang 2025 von 27 auf 9 Prozent, in den technischen Abteilungen insgesamt von 21 auf 14 Prozent. Besonders stark gingen seit Dezember 2025 die Ausschreibungen für Einstiegsstellen zurück. Weniger Menschen stellt Anthropic deshalb nicht ein: Die technischen Einstellungen wachsen absolut weiter, und die Belegschaft hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht.

Auch die Kriterien ändern sich. In einer Befragung im April 2026 gab die Mehrheit der Führungskräfte an, wegen KI nach anderen Fähigkeiten einzustellen; rund ein Drittel der Führungskräfte im maschinellen Lernen und ein Fünftel in der Softwareentwicklung stellen nach eigener Angabe wegen KI weniger ein. In den Bewertungen von Vorstellungsgesprächen tauchen Hinweise auf einen kreativen Umgang mit KI-Werkzeugen 2026 drei- bis viermal so oft auf wie 2024. Eigenständigkeit und Urteilsvermögen gewinnen an Gewicht, reines Fachwissen verliert.

Mehr Agentenstunden

Im März 2026 lagen die Arbeitsstunden der Agenten bei Anthropic erstmals über denen der Menschen. Die Agenten, die Beschäftigte selbst steuern, liefen im August sechsmal so lange, wie die Beschäftigten arbeiteten. Gerechnet ist das als Laufzeit der Agenten, ohne Wartezeiten über 30 Minuten, gegen die Kopfzahl mal 40 Wochenstunden. Ein Maß für Produktivität oder dafür, wie viele Menschen Agenten ersetzen, ist es nicht.

Je Ingenieur entstehen fünfmal so viele Codeänderungen wie sechs Monate zuvor. Um den Effekt der Werkzeuge abzuschätzen, hat Anthropic 192 Ingenieure, die Programmieragenten eingeführt haben, mit 74 verglichen, die es nicht taten: Nach der Einführung steigt die Menge des hinzugefügten Codes deutlich. Einen Qualitätsunterschied zwischen Agenten- und Menschencode fand das Unternehmen nicht, gemessen daran, wie oft Code später gelöscht oder zurückgenommen wird. Wie sehr die Arbeit mit Agenten zur Routine geworden ist, zeigt eine weitere Zahl: Die schriftlichen Daueranweisungen, mit denen Beschäftigte ihren Agenten Regeln und Wissen mitgeben, wuchsen von einigen Hundert im Juli 2025 auf 8.500 ein Jahr später.

Der Mensch wird zum Engpass

Die Kehrseite: Die interaktiven Sitzungen mit Claude warten rund 80 Prozent der Zeit auf Eingaben von Menschen. Alles zu lesen, was die Agenten ausgeben, würde selbst in nicht technischen Bereichen mehr als die halbe Arbeitswoche kosten. Der Anteil der Sitzungen, in denen Beschäftigte Agenten anleiten, überwachen oder sich gegenseitig prüfen lassen, stieg vom Herbst 2025 bis zum Frühjahr 2026 von 10 auf 22 Prozent. Und der Median der Beschäftigten verbringt laut Kalenderdaten 20 Prozent mehr Zeit in Meetings als ein Jahr zuvor, technische Fachkräfte ohne Führungsrolle 16 Prozent mehr. Anthropic nennt dafür auch das eigene Wachstum und den veränderten Mix der Rollen.

Wie Anthropic reagiert und was die Zahlen nicht zeigen

Anthropic hat ein Frühwarnsystem für Rollen im Umbruch eingerichtet, gibt internen Versetzungen Vorrang und beteiligt die Belegschaft breit am Unternehmen. Wechsel zwischen Abteilungen waren 2026 je Monat um die Hälfte wahrscheinlicher als 2025. Das Unternehmen räumt aber ein, dass keine dieser Maßnahmen den Rückgang bei den Einstiegsstellen direkt angeht.

Die Zahlen stammen aus einer Selbststudie auf internen, nicht veröffentlichten Daten, ergänzt um 17 Interviews. Sie ist nicht randomisiert; dass Beschäftigte gerade vor großen neuen Projekten zu Agenten greifen könnten, nennen die Autoren selbst als mögliche Verzerrung. Anteile sind keine absoluten Zahlen, und Anthropic ist kein typischer Arbeitgeber: Es wächst sehr schnell und arbeitet mit den eigenen Spitzenmodellen. Die Richtung ist trotzdem aufschlussreich: Liegt Anthropic mit seiner Rolle als Frühindikator richtig, kommen ähnliche Verschiebungen auf andere Unternehmen zu.

Warum der Nachwuchs zählt

Dass der Rückgang bei den Einstiegsstellen mehr ist als eine Personalfrage, argumentiert Nolan Lovett in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Human Resource Development Review, dessen Vorabfassung am 31. Juli 2026 erschien. Wenn jedes Unternehmen für sich vernünftig KI einführt, kann das den gemeinsamen Vorrat an Fachwissen eines ganzen Berufsstands aufzehren. Und wirksame Aufsicht über KI hängt genau an der Erfahrung, die der Einsatz von KI untergraben kann. Wer Agenten prüfen soll, muss die Arbeit selbst gelernt haben.

Google misst anders

Den Anteil KI-geschriebenen Codes, den Sundar Pichai früher selbst mit 25 Prozent angegeben hatte, nennt der Google-Chef im Big Technology Podcast vom 20. Oktober 2026 „bedeutungslos“, weil KI jeden Teil der Arbeit tief beeinflusse. Google beobachtet stattdessen, wie viele Codeänderungen entstehen und wie oft sie zurückgenommen werden müssen. In den vier Wochen nach dem Start des Modells Gemini 4 Argon stiegen die Änderungen um 30 Prozent, die Rücknahmen sanken um ein Drittel. Eine Methodik legt Google nicht offen. Mehr Änderungen bedeuten nicht automatisch mehr erledigte Arbeit; aussagekräftiger ist die Zahl der Rücknahmen, weil sie zeigt, ob die Arbeit hält.

Was Geschäftsführungen daraus mitnehmen können

Wenn Agenten die Umsetzung übernehmen, verlagert sich die Arbeit ins Steuern und Prüfen. Daraus folgen drei Aufgaben für die Geschäftsführung.

Nachwuchs sichern: Prüfen kann nur, wer die Arbeit selbst gelernt hat. Legen Sie fest, welche Einstiegsaufgaben bewusst bei Menschen bleiben und wie viele Nachwuchsstellen Sie halten, auch wenn Agenten diese Aufgaben schneller erledigen.

Ergebnisse messen: Bewerten Sie KI an erledigten Aufgaben, Nacharbeit, Fehler- und Rücknahmequoten und Durchlaufzeit. Nutzungsminuten oder der Anteil KI-erzeugter Texte sagen über den Nutzen wenig.

Prüfzeit einplanen: Wenn Agenten den größten Teil der Zeit auf Menschen warten, ist deren Aufmerksamkeit der Engpass. Planen Sie Anleiten, Freigeben und Prüfen bei jedem Agentenprojekt als feste Kapazität ein, mit Namen und Stunden, nicht als Nebenbei-Aufgabe.

Ein erster Schritt: Legen Sie für jedes laufende Agentenprojekt fest, wer die Ergebnisse prüft und wie viele Stunden pro Woche dafür reserviert sind.

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Quellen: Anthropic (The Anthropic Institute), „How employment is changing at Anthropic“, 16. Oktober 2026 · Nolan Lovett, „The Tragedy of the Cognitive Commons: How AI Could Disrupt the Regeneration of Professional Expertise“, Human Resource Development Review, Vorabfassung auf arXiv vom 31. Juli 2026 · Big Technology Podcast, Interview mit Sundar Pichai, 20. Oktober 2026