Die US-Wahl ist zugunsten Europas ausgegangen und gerade wird eine Kartellklage gegen Google vorbereitet. Wäre die Klage erfolgreich, könnten auch Apple, Amazon und Facebook bald vor Gericht stehen. Der Handel mit den USA wird also wieder ungehinderter florieren können und die Marktmacht der großen Tech-Konzerne könnte gebrochen werden. So gut das klingt: Wer jetzt paradiesische Zeiten für die europäische Wirtschaft erwartet, liegt leider falsch.

“America First” bleibt unsere Realität auf mehreren Ebenen

Während es stimmt, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und den USA mit Biden als Präsident entspannen dürften – am Tenor „America first“ wird auch das neue Staatsoberhaupt Amerikas nichts ändern. Wir werden zwar nicht mehr mit Drohgebärden und verbalen Ausfälligkeiten rechnen müssen, doch auch ein Präsident Biden wird US-amerikanische Unternehmen bevorzugt behandeln. Seine Initiative heißt “Buy American”. Sie will die US-Produktion ankurbeln, indem Behörden angewiesen werden, Regierungsaufträge an Unternehmen zu vergeben, die hauptsächlich in den USA produzieren. Auch was Zölle betrifft, wird es nicht automatisch wieder einfacher für europäische Unternehmen, Umsatz in den USA zu machen.

Ebenso wird eine Aufspaltung von Google und Co. keinen Boost für die europäische Digitalwirtschaft bedeuten, sondern vielmehr für die USA. Ihre Monopol-Stellung beziehen Google, Facebook und Amazon nämlich nicht über den Preis, sondern die Marktzugänge und die Technologien, die den Systemen zugrunde liegen. Diese sind und bleiben US-basiert. Sollten die amerikanischen Tech-Riesen aufgespalten werden, sähen sie sich zwar bald mehr Konkurrenz ausgesetzt. Allerdings nur aus dem eigenen Land. In Europa wurde kein Gegengewicht von Bedeutung entwickelt. Für europäische Unternehmen würde ein erfolgreiches Kartellverfahren bedeuten, dass sie statt mit einer Handvoll Tech-Riesen mit zahlreichen neuen US-amerikanischen Tech-Unternehmen konkurrieren müssten.

Die Hoffnung, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Europas in Bezug auf Digitalisierungstechnologien von selbst verbessert ist somit bestenfalls utopisch. Den technologischen Anschluss haben wir bereits verloren und im schlimmsten Fall werden wir “zur verlängerten Werkbank,” wie Kanzlerin Merkel beim Digitalgipfel 2019 mahnte. Wir müssen unser Glück selbst in die Hand nehmen.

Technologische Innovation ist Brachland in Europa

Europa hat bislang verpasst, ein digitales Gegengewicht zu Nordamerika und Asien zu schaffen. Dieses Versäumnis ist aus dem Selbstverständnis Europas als Innovations- und Technologievorreiter gewachsen. Das waren wir auch lange Zeit. Doch seit Jahrzehnten ruhen wir uns auf diesen Lorbeeren aus. Europa war sich seiner Führungsrolle so sicher, dass wir nur mit den Schultern gezuckt haben als Nordamerika eine technologische Innovation nach der anderen präsentierte und Asien effektive und zukunftsgerichtete Produktion auf das nächste Level hob.

Die Lorbeeren werden grau, wir müssen aufwachen und uns wieder an die Arbeit machen. Unser Lebens- und Arbeitsstandard ist keine Selbstverständlichkeit und wir dürfen sie auch nicht als solche behandeln. Leichtfertig haben wir hingenommen, dass die Basistechnologien unserer Digitalisierung nicht europäisch sind. Europa hat seine digitale Infrastruktur, z.B. in Form der Cloud-Services ausgelagert. Diese Infrastruktur ist genauso wichtig geworden wie unsere Strom- und Wasserversorgung. Genauso wenig wie wir diese aus der Hand geben würden, sollten wir es hinnehmen, unsere Digitalisierung in fremden Händen zu lassen.

Die Atempause zur Digitalisierung nutzen

Nächstes Jahr darf Europa mit einem nachgeholten wirtschaftlichen Boom rechnen. Die Spannungen mit den USA werden abnehmen und auch die Corona-Pandemie scheint in absehbarer Zeit unter Kontrolle gebracht werden zu können. Diese Zeit wird vielleicht die letzte Chance Europas sein, den Anschluss im Bereich Digitalisierung zu schaffen. Die zahlreichen Absichtserklärungen werden uns nirgendwo hinführen, wir müssen handeln.

Für Nordamerika und Asien ist eine digitalisierte Wirtschaft bereits weitreichend Realität und die großen Digitalkonzerne haben besonders von der Corona-Pandemie profitiert. Während Amazon und Apple im letzten Quartal diesen Jahres mit einem Umsatz von jeweils über 100 Millliarden US-Dollar rechnen, darf sich Chinas Shopping-Riese Alibaba über einen Umsatz von beinahe 50 Milliarden US-Dollar an einem einzigen Tag, dem in China gefeierten “Singles Day” freuen. Europäische Unternehmen haben dem nichts entgegenzusetzen.

Die EU setzt mit dem Projekt Gaia-X ein wichtiges Zeichen, doch das reicht nicht. Die europäische Cloud soll eine Plattform für Unternehmen und Forschungsinstitute werden, wobei die Datensouveränität eine ebenso wichtige Rolle spielt wie Sicherheit, Transparenz und Datenschutz. Dieses politische Signal ist wichtig und ein erster Anfang, doch noch viel mehr sind nun Unternehmen gefragt – und zwar jeder Größe.

Digitalisierung zum Wettbewerbsvorteil machen

Europäische Unternehmen müssen bei der Entwicklung digitaler Produkte, Absatzkanäle und auch Plattformen nachholen. Ein neues Produkt muss dabei nicht immer bei Null anfangen, es kann durch Digitalisierung erst etwas Neues werden. Ein Beispiel: Unsere qualitativ herausragenden (Industrie-)Produkte können über digitale Möglichkeiten, wie umfassende Datenanalysen und über den Einsatz von künstlicher Intelligenz noch effizienter gemacht beziehungsweise produziert werden. Mit solchen neu gedachten Produkten würden wir neue Geschäftsfelder erschließen. Bewährtes trifft auf die digitale Zukunft.

Ein wichtiger und wünschenswerter Nebeneffekt: Mehr Effizienz bedeutet mehr Nachhaltigkeit, sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch. Während die Jugend bei Fridays for Future für den Umweltschutz auf die Straße geht und die EU Umweltrichtlinien für die Wirtschaft erarbeitet, haben europäische Unternehmen das Potenzial aus der Pflicht eine Kür zu machen. Nachhaltigkeit sichert eben nicht nur unser ökologisches Überleben, sondern rechnet sich auch wirtschaftlich. Wir haben auf diesem Gebiet die Chance, Weltmarktführer zu werden. Europäische Firmen tragen die Innovationskraft in sich, wieder die Flamme des Fortschritts hochzuhalten. Doch müssen wir dafür die kommende Atempause für ein konsequentes Handeln bei digitalen Innovationen wirklich nutzen.

Gerne bin ich bereit, über meine Thesen und auch die Möglichkeiten, die ich sehe zu diskutieren. Wie bewerten Sie den Stand der Digitalisierung in deutschen Unternehmen und wo sehen Sie Handlungsfelder? Ich freue mich auf den Austausch.

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